White Mirror




Häufig stelle ich mir die Frage, welche Perspektive ich einnehmen könnte, um die Szene gewinnbringend einzufangen. Das hört sich im ersten Moment etwas abstrakt an, ist aber eigentlich sehr ein- fach. Jedes Mal, bevor man auf den Aus- löser drückt, muss man sich entscheiden, was alles im Bildausschnitt zu sehen sein soll und was unwichtig ist. Das bedeutet, dass man Elemente der Umgebung, in der man sich gerade befindet, bewusst weglässt – oder besser gesagt: weglassen muss –, um das Wesentliche in den Fokus zu rücken. Wer schon ein paar Jah- re eine Kamera in der Hand hatte, macht das ganz automatisch, ohne großartig darüber nachzudenken.

Doch es gibt Möglichkeiten, die genau diese Gesetzmäßigkeit komplett neu zu definieren scheinen. Der New Yorker Künstler Daniel Kukla fotografierte beispielsweise Landschaften im Joshua-Tree-Nationalpark mit einem auf einer Staffelei positionierten großen rechteckigen Spiegel. Mit dieser Methode hat man dank der Reflexion die kreative Mög- lichkeit, ein Bild aus verschiedenen Teilen der Landschaft zusammenzustellen. Man kann beispielsweise den gespiegelten Himmel auf dem Boden positionieren – oder umgekehrt. Oft wirken diese Bilder wie Photoshop-Collagen, doch sie zeigen eine einzige Aufnahme, die aber mehr Kontext oder visuelle Information schafft, als man mit einem „normalen“ Foto erreichen kann. Diese Technik hat mich zu meinem Projekt inspiriert, das ich „White Mirror“ getauft habe.





Ich habe mir also einen kleinen, gut verstaubaren weißen Beauty-Spiegel im nächsten Baumarkt besorgt und begann bei diversen Shootings, diese „Spiegel-Bilder“ zu realisieren. Es ist aber gar nicht so einfach, spannende Elemente miteinander zu kombinieren, wie man vielleicht denken mag – besonders bei meinem Setup. Durch die recht kleine Spiegelfläche war ich in puncto Tiefenschärfe etwas eingeschränkt, weil ich mich immer sehr nah mit meiner Linse vor dem Spiegel positionieren musste, um das Objekt – in meinem Fall einen Kicker oder ein Rail – komplett einfangen zu können. Hinzu kommt das Fokussieren, was tatsächlich eine große Herausforderung darstellt, weil sich das fotografierte Objekt im Hintergrund – also nicht im Spiegel – befand und ich somit den Schärfepunkt schon vor der Action setzen musste. Die perfekten Gelegenheiten, um mich mit „White Mirror“ auszutoben, waren ein Shooting-Tag in Adelboden anlässlich des Buldoz Invitational und ein Shooting mit den Movement-Athleten in Leysin. So konnte ich meine Positionen suchen und dann einfach warten, bis die Rider schön fleißig vorbeiflitzten.

Natürlich wäre es spannend, dieses Projekt einmal mit einem großformatigen Spiegel machen zu können. Aber ich finde, dass selbst die kleine Version bereits ihren Reiz hat. Ich kann mir also gut vorstellen, noch weiter mit dieser Spielerei zu experimentieren.



Ruedi Flück 2024 — Bern, Switzerland