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Dürfen Veganer Skifahren?




Dürfen Veganer Skifahren? Eine Frage die man sich heutzutage stellen könnte, dürfte oder gar sollte. Ich wurde selbst vor kurzem gefragt, ob ich denn nun schon Veganer sei? Schließlich wohne ich inzwischen etwas abseits, um genau zu sein in den Bergen in einem alten Chalet. Außerdem versuche mich am heimischen Gemüseanbau und hauste für ein Jahr in einer Jurte - also in einem mongolischen Nomadenzelt. „Ah du bist doch noch kein Veganer, dann wenigstens Vegetarier?“ War die Reaktion auf mein erstes kommentarloses Verneinen. Nein, und auch kein Vegetarier.

Lebe ich in diesem Fall noch nicht nachhaltig genug? Ist mein Fleischgenuss von Zeit zu Zeit ein Zeichen provokativer Verneinung des Etwas-zum-Guten-Verändern-wollen in der Welt? In Betracht der thematischen Ausrichtung dieser Zeitschrift würde ich gerne der Frage nachgehen: Könnte ich vegan sein und Skifahren?

Die Antwort gleich mal vorne weg, aus meiner Sicht: ja - und nein. Ich muss wohl etwas weiter ausholen. Vegan sein heisst, kein tierisches Produkt zur Ernährung zu verwenden oder gar der Nutzung von Tieren generell zu entsagen. Das hört sich nach dem heutigen Gedankengut von Nachhaltigkeit und Anti-Konsum doch sehr gut an! Schließlich gehört doch zum guten Ton, etwas für die Zukunft zu leisten, sich zurück zu nehmen, nicht mehr so viele Ressourcen zu verbrauchen und insbesondere natürlich auf seine eigene Gesundheit zu achten. Jeder möchte doch bestenfalls sein eigenes Leben über- leben. Wer sich auf ein saftiges Steak freut, ist somit ein Umweltsünder und gehört be- straft - man stelle sich nur vor das saftige Stück Fleisch käme noch aus Argentinien...
So einfach und sauber die Definition daher- kommt, so differenziert können wir sie verstehen. Was sind Tiere? Tiere sind Lebewesen, die eine höhere Intelligenz ausweisen - aus unserer gesellschaftlichen Sichtweise. Dazu zählen, Kühe, Schweine, Hunde, Papageien, Mücken, Schwertwale oder auch Katzenbabys. Wobei letztere essen wir ja so oder so nicht und posten lieber ein paar harmlose Fotos mit lustigen Sprüchen auf Instagram. Wobei die doch sicher auch sehr zart im Geschmack wären - oder etwa nicht? Mit der richtigen Sauce wohl vorzüglich.

Zurück zur Interpretation der Definition. Was heisst zur „Ernährung“? Dies scheint eher einfach: das zu sich nehmen von Materie , um sein eigenes physisches Überleben zu sichern. Ich habe gehört es ginge auch mit reinem Licht, das ist dann keine Materie sondern Energie, bzw. laut Einstein weder noch. Nun gut zurück zur Entscheidung ob ich nun vegan sein möchte oder nicht. Hier definiere ich mal der Einfachheit halber zwei Gruppen:

1. Ich bin vegan aus einer Überzeugung, dass dies besser wäre für meine Verdau- ung, meinen Körper und meinen Metabo- lismus. Darin sehe ich kein Problem, da wir uns heute ausreichend von Pflanzen und pflanzlichen Produkten ernähren können, ohne unter einem Mangel an wichtigen Vi- taminen oder Proteinen zu leiden. Das ist wissenschaftlich erwiesen und gilt somit als allgemeingültig.
2. Ich bin vegan, weil ich aus einem ideolo- gischen Gedankengut heraus das Verletzen und Töten von Tieren verachte/vermeid. Dies hat teilweise religiöse Ansätze und kann nur mit Gedankenmodellen gestützt werden. Man geht von der Gleichheit aller Lebewesen aus und beweist dies mit Erklä- rungen von Intelligenz, sozialem Verhalten, etc. Diese Ideen sind sehr natürlich und den meisten Menschen bei Konfrontation sehr wohl eigen.

Ich komme also zu meinem Fazit. Gehöre ich zur ersten Gruppe, bin ich fein raus. Es ist völlig legitim und verständlich und bein- haltet keinen Konflikt mit Skifahren. Gehöre ich zur zweiten Gruppe, gehen die Konflikte noch weiter, bzw. da fängt der Spass erst an, wenn man sich nicht ganz sicher ist, wo für einen selbst die Grenzen genau liegen. Ein kleines von unzähligen Beispielen: Die Anfahrt zum Skigebiet erfolgt meist mit der Bahn (siehe nachhaltig) oder einem PKW. Benutze ich diese oder auch andere Verkehrsmittel, lassen viele fliegende Insekten ihr Leben an deren Windschutzscheiben. Komm mir jetzt nicht von wegen „scheiss auf die Fliegen“, die haben auch Gefühle! Du tötest bewusst Leben. Ist man damit einverstanden, dies als Unfall abzutun, wäre man wieder fein raus und geht ruhig ein par Tage Pow- der geniessen - natürlich achtet man dabei peinlichst auf Wildschutzruhezonen. Kommt man zu dem Entschlus, das der Mücken-Genozid, kein Unfall ist, weil ich ja aus freiem Willen und gleichzeitig zum reinen Vergnügen zum Skifahren gehe, ja dann musst du leider etwas leiden oder zuhause bleiben. Oder eben zu Fuss gehen und dabei jegliches Getier vorsichtig mit dem Besen aus dem Weg beförden. Die Anreise könnte sich dann über ein paar Tage hinziehen.

Ihr seht, es ist nicht ganz so einfach, eine Antwort auf diese Frage zu finden, ob es möglich wäre, als Veganer auch ein Skifahrer zu sein. Guten Appetit.

Erschienen im Prime Skiing Nr. 7, Deutschland, Oktober 2016


Ruedi Flück 2019 — Bern, Sitzerland