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Idomenie


„Wo sind die Wasserfälle?“

Fragten uns die vier jungen Tschechen auf einem malerisch schönen Hügel mit übersichtlicher Aussicht im Grenzgebiet zwischen Griechenland und Mazedonien. Ich wusste nicht recht was sie genau von uns wollten, denn in Sichtweite befand sich das Camp von deplatzierten Menschen auf idyllischen saftig grünen Feldern rund um den Bahnhof von Idomeni. Das sich jemand in der Situation und den Hintergründen für nahegelegene Wasserfälle interessiert ist doch sehr unwahrscheinlich. Nach einigem Zögern fanden wir heraus, dass wir aus dem gleichen Grund vor Ort waren, aber uns nicht recht zu erkennen geben wollten, da die Polizei das Gebiet grossräumig absperrte. Freiwillige Helfer die nicht einer offiziellen Organisation angehören und freie Journalisten sollten nicht mehr auf das Gelände gelassen werden.



Die Tschechen waren als Helfer vor Ort um für die Menschen zu kochen und mit den Kindern Gesellschaftsspiele zu organisieren. Wir waren da um Bilder zumachen. Doch wozu eigentlich? Ist das ernste Hilfe? Bilder zu machen von Menschen in Not? Ein Zwiespalt der sich tief in uns auftut, umso mehr man in diese Welt eintaucht, aber versucht nicht darin unter zu gehen. Wir waren mitten drin, mehr als nur dabei.
Der ältere Herr aus dem Dorf, der seinen Café neben uns auf der Terrasse trank, aber leider keine unserer Sprachen sprach, erhob ermunternd die Faust in die Luft und machte ein grimmiges Gesicht. Was meinte er wohl? Wollte er uns Beistand oder Verachten zeigen? Wir wissen es nicht, nahmen es nicht persönlich und glauben an die guten Gedanken, dass er uns ermutigen mochte.

In diesem Sinne sollen unsere Privilegien auch in konstruktive Hilfe und Kreativität umgesetzt werden. Wir können ohne Urteil auffassen was passiert. Objektiv Bilder einfangen und Geschichten erzählen, wir können zuhören. Wir versuchen Dinge zu sehen wie sie sind hinterfragen nicht nur deren Erscheinungen sondern uns selber während dem Prozess des Seins. Ein Versuch in demütig poetischem Journalismus.



Soweit ich es verstanden habe, sind sie Kurden. Woher weiss ich nicht. Wohin ebenfalls nicht, sie wohl auch nicht. Mit dabei haben sie ihr wohl einziges Hab und Gut, ein Instrument, welchem einige Saiten fehlen. Sie lassen mich spielen, sprechen dazu laut ihre Gedanken aus...

Sound-File

Dies war am dritten Tag unseres Aufenthalts in Idomeni. Unsere Tage sind gezählt, genauso wie die Tage des Camps. Es sollte nicht da sein. Geriet ausser Kontrolle, als die ersten Flüchtlinge an der Mazedonischen Grenze strandeten, als Europa seine Grenzen schloss. Als hätten die Menschen alleine schuld an ihrem Verbleib, als wären sie aus freier Entscheidung geflüchtet, in die Höhle des Löwen. Menschen mit Angst. Die meisten wissen nicht genau warum sie hier gestrandet sind. Offensichtlich ist nur, sie sind geflüchtet vor Krieg und Gewalt. Die meisten jedenfalls.
Meistens war und ist es in ihrem zuhause nicht mehr möglich ist zu leben, trotz dem langen Versuch Kompromisse einzugehen und sein Schicksal zu akzeptieren. Die Menschen nahmen ihr Schicksal wieder in die eigene Hand und starteten in die Richtung der einzigen Hoffnung die Ihnen gemacht wird. In Europa ist alles besser.



Unser dritter Tag war irgendwie von Anfang an anders, wir wollten abreisen. Die Stimmung war angespannt im ganzen Camp. Anstatt der fast schon sorglosen Festival Stimmung die wir anfangs zu spüren wagten. Besonders im Anblick der zahllosen Kinder welche alles als ein Spiel betrachten. Sie sind sich der Realität nicht bewusst und dadurch auch weniger gefangen? Kinder sind darin am stärksten, stärker als die meisten Erwachsenen, sie finden zusammen mit andern Kindern im Spiel die Freude wieder und wieder. Auch wenn sie allenfalls von ganz unterschiedlichen Rassen und Gruppierungen stammen. Die Erwachsenenwelt war auch was mich kurz darauf wieder schockte. Nachdem die Stimmung definitiv ins Wanken geriet und Verzweiflung und Aggression um sich schlug, flogen die ersten Steine in Richtung der Staatsgrenze beschützenden Polizisten. Diese reagierten mit Tränengas und einer sehr autoritären, jedoch bewundernswert friedlichen Präsenz. Unter den aufgebrachten Menschen war grosse Verzweiflung zu spüren. Da hörte ich einen Aussenstehenden rufen: „Das sind nicht wir Kurden, das sind die Araber, die sind immer an der Gewalt schuld.“ Es gibt sie also sogar in einem von aussen so homogen scheinenden Camp. Die Separation. Aversion – Hass.



Zwischenzeitlich gab es immer wieder solche die mutig zwischen die Fronten gingen und auf Arabisch wohl so etwas schrien wie „hört doch auf mit dem Wahnsinn!“. Das waren jedenfalls die Gestiken die wir verstanden und wussten nicht recht, zum einen wollte man das ganz anheizen und sagen „Ja los, wehrt euch!“ obwohl man genau weiss es führt zu nichts. Es ist eine Verhärtung der Fronten. Daraus darf man sehr viel lernen, Position zu beziehen ist nicht schlecht aber bleibt eine Position und verliert daher Objektivität. Der Grat für objektive Berichterstattung in solch aufwühlenden Szenen ist sehr schmal und man verlässt ihn schneller als man es sich versieht.



Am folgenden Tag gab es Lautsprecherdurchsagen mit der Nachricht, das die Menschen das Camp zu räumen hätten. In die offiziellen Camps umsiedeln müssen. Viele Menschen kommen den Aufforderungen nach und fahren mit den zur Verfügung gestellten Busen in die Regierungs-Camps. Aber auch wieder nicht alle. Ein Regierungscamp bedeutet soviel wie sich dem System zu unterwerfen. Man weiss leider nicht mehr ob man zu Familie nach Deutschland reisen darf oder in die Türkei auf eine ungewisse Zukunft ausgeschafft wird. Daher völlig nachzuvollziehen, dass die Menschen das nicht wollen.
Die griechische Regierung tut definitiv sehr viel für diese Menschen in Not. Ist und bleibt aber von der EU Abhängig zum Guten wie auch zum Schlechten ihres eigenen Verbleibs. Die lokale Bevölkerung ist ebenfalls sehr tolerant, schon seit jeher befanden sie sich im Brennpunkt von Ideologien. Durch Griechenland führt der Weg vom Osten in den Westen – vice versa. Eine Durchmischung von Ethnien und Kulturen ist unumgänglich. Das alte wie das neue Griechenland ist da nicht anders. Alles wird relativiert. Ebenso unsere Vorurteile die wir hatten als wir hier ankamen.



Wie Bagdad ein junger Algerier den ich ebenfalls im Camp traf und mit welchem ich viel diskutieren durfte folgerichtig feststellte: „Jeder Mensch nimmt Risiken auf sich um sich lebendig zu fühlen.“ Für mich war dies eine Schlüsselerfahrung auf dieser Reise. Risiken und Angst sind sehr Individuell. Jeder Mensch hat sie und wird während seines Lebens immer wieder damit konfrontiert. Das Leben ist und bleibt unerklärlich. Die Wahrheit manifestiert sich niemals.


Ruedi Flück 2019 — Bern, Sitzerland