Individuelle Pluralität




Jeder möchte zu einer Gruppe gehören, aber gleichzeitig einzigartig sein. Wir Men­schen sind Herdentiere und wollen ge­meinsam etwas erleben wie zum Beispiel Skifahren. Dies ist in der Gruppe nicht nur sicherer, sondern macht auch noch mehr Spaß – vor allem beim Après ­Ski. Stellt euch bloß mal vor, allein am Pistenrand „Anton aus Tirol“ mitzugrölen. Schrecklich! Aber noch schrecklicher wäre es doch, wenn alle diesen Scheiß­Song wirklich geil finden würden. Wir möchten scheinbar zu Gruppen gehören, aber irgendwie auch wieder nicht so richtig. Auf der Suche nach der Normalität.

Betrachten wir die alltagsgebräuchliche Form von Individualismus, so beschreibt die­se eine allgemeine Geisteshaltung. Ein jeder hat zumindest ein Stück weit das Bestreben, sich als Individuum zu definieren, ohne auf allgemeine Trends und Meinungen Rücksicht zu nehmen. Unsere Gesellschaft in der westlichen Welt ist sehr darauf bedacht, den Fokus auf die individuellen Subjekte zu legen anstatt auf das Kollektiv oder die Plu­ralität. Jeder hat das Recht, eine eigene Meinung zu haben, individuell zu sein – allzu normal ist langweilig.

Dies zeigt sich im Freeskiing sehr extrem. Unser Sport wird durch Individuen definiert und durch Persönlichkeiten geprägt, die vom klassischen, also normalen, Skifahren abweichen. Wir zelebrieren diese Anomali­tät, wir wollen keine Normen, die FIS wird verflucht, Olympia belächelt, und sobald ein Athlet den Sprung in die Massenmedien schafft, wird er beinahe aus der Core­-Sze­ne verbannt. Wer sich nicht von der Masse abhebt, ist eben kein echter Freeskier. Wer nicht zu seiner radikalen Meinung steht und diese lauthals kundtut, hat nichts in unserem Sport zu suchen. Dieses Phänomen ist auch in anderen Funsportarten zu beobachten, in denen der Einzelne und nicht ein Team im Mittelpunkt steht. Interessant wäre hierzu die Überlegung, inwiefern Kreativität mit In­dividualismus zu tun hat.

In gewisser Art und Weise belügen wir uns aber doch selber. Würde nämlich ein Ath­let voll umfassend individuell bleiben wol­len, dürfte er keine Markenprodukte reprä­sentieren. Diese stehen ja im Gegensatz zur erstrebten Einzigartigkeit. Wir müssen uns aber vor Augen halten, dass es erst die Massenproduktion ermöglicht, über­haupt eine große Gruppe zu kreieren, die einen gemeinsamen Nenner aller be­teiligten Individuen findet. Erst aus dieser kann der Einzelne dann ausbrechen. Er wird zum Opinion­ Leader, zum Alphatier in Sachen Stil und schließlich vielleicht zum Anführer der ganzen Gruppe.

Vor Kurzem ist mir dies sogar im Umge­kehrten passiert. Ich habe einem Freund von mir vorgeworfen, jetzt „Pro“ gewor­den zu sein, und ihn aufgezogen, weil er scheinbar mit uns „Normalos“ nicht mehr zusammen Ski fahren wollte. Im Grunde genommen greifen hier aber die gleichen Mechanismen, denn wenn man etwas Spe­zielles macht oder ist, gehört man nicht mehr zur Gruppe – zumindest fühlt es sich so an. Eine Separation beginnt genau in dem Moment, in dem man sie macht. Sie existiert daher nur durch ihr eigenes Sein.

Lasst uns einen weiteren Bogen spannen. Habt ihr folgende Konversation schon ein­ mal miterleben dürfen?
Freerider 1: „Hey, es hat massig geschneit. Lass uns doch am Wochenende zusam­ men zum Powdern gehen.“
Freerider 2: „Logo, aber nicht nach Resort XY, da ist doch immer megaviel los!“
Und schon beginnt das Spiel von vorne. Wir bevorzugen zwar große und moderne Skigebiete, jedoch wollen wir sie am liebs­ten für uns allein haben. Das Gleiche pas­siert uns übrigens auch im Sommer, wenn wir nach einsamen Stränden und exoti­schen Kulturen Ausschau halten. In Prospekten von gängigen Reiseanbietern werden wir aber beides nicht finden. Im Magazin der Swis­s Airline habe ich ein passendes Zitat gefunden: „Entdecke die lokalen Märkte fernab der Touristenströme.“ Wie kann etwas bekannt sein, aber nicht touristisch? Und was su­chen wir eigentlich, wenn uns das Fernweh packt? Ist es woanders besser, spannender, größer oder was auch immer? Wahrscheinlich, denn jeden Tag am kleinen und ver­lassenen Hausberg Ski zu fahren ist auf die Dauer auch langweilig. Dennoch suchen wir genau das, nur eben anderswo. Same same but different. Dieser Slogan trifft es eigentlich perfekt.

Kommen wir wieder zurück zu unserer Aus­gangslage. Normalität definiert sich in der Balance zwischen Konformität und Indivi­dualität. Das menschliche Erlebnis und die Definition der Normalität sind jedem eigen. Man darf, aber man muss nicht konform sein. Einem Trend zu folgen heißt nämlich noch lange nicht, langweilig zu sein, denn irgendwie folgen wir doch alle aktuellen Strömungen. Jeder sucht sich eine normale Mischung von Trends und Individualität sel­ber aus, um sich und somit seine Persön­lichkeit zu definieren. Was jedoch zuerst da war, das Beeinflussen oder das Beeinflusst­ werden, können wir nicht mehr auseinan­derhalten. Ein Individuum wird nie ohne Plu­ralität existieren, genauso wie die Pluralität nicht ohne Individuen leben kann.

Erschienen im Prime Skiing Nr. 8, Deutschland, November 2016


Ruedi Flück 2019 — Bern, Switzerland