Geschichten aus dem Glarnernland




ES WAR IN DEN 1980ER-JAHREN, ALS DER SCHWEIZERISCHE ALPEN CLUB (SAC) MIT SEINER FRAUEN-SEKTION FUSIONIERTE. LANGE SIND DIE
BEIDEN GESCHLECHTER IN SACHEN CLUB GETRENNTE WEGE GEGANGEN. DAMIT ES ZUR FUSION KAM, BRAUCHTE ES VORERST VIEL ARBEIT, UM FESTGEFAHRENE VORURTEILE ABZUBAUEN. MUTIGE ZEITGENOSSEN/INNEN MUSSTEN UND MÜSSEN DIE ZUSTÄNDE DER GESELLSCHAFT IMMER WIEDER IN FRAGE STELLEN. DIE GROSSMUTTER VON RUDY HAUSER – MARTA FLURI – WAR EINE SOLCHE VISIONÄRIN, ALS SIE MITTE DER 1940ER JAHRE MIT EINER FREUNDIN BESCHLOSS, AUF DEN MÜRTSCHENSTOCK ZU STEIGEN UND OBEN EIN GIPFELBILD ZU SCHIESSEN. DIESES ZEIGTEN SIE IHREN MÄNNLICHEN KOLLEGEN UND TATEN SOMIT EINEN WICHTIGEN SCHRITT FÜR DIE AKZEPTANZ VON FRAUEN IN BERGSTEIGERKREISEN.

Als wir uns im vergangenen Winter, dank der Initiative von Samuel und David Ortlieb, mit einer kunterbunten Rasselbande in Glarnerland versammelten, hatte ich das Gefühl, wieder an einem solchen Ereignis wie damals teilnehmen zu dürfen. Sämi und David sind zwei Ikonen aus dem Zigerschlitz. Wir versammelten uns früh morgens an der Fisetengrat-Bahn auf dem Urnerboden und marschierten dann via Gemsfairenstock weiter über den Claridengletscher auf die Planurahütte. Diese befindet sich auf der Kantonsgrenze von Uri und Glarus, umgeben von Gletschern auf 2947 M. ü. M. Diese geschichtsträchtige SAC-Hütte sollte für einige Tage unser Zuhause werden, damit wir die Umgebung mit Schanzen etc. verunsichern konnten.

Der Urnerboden ist übrigens der Sage zufolge auf Urner Kantonsgebiet, weil der Wettlauf damals, als die beiden Laufburschen, welche von den jeweiligen Talseiten hochstiegen und die umstrittene Grenze dort festlegen sollten, wo sie aufeinandertrafen, für die Glarner anders ausging, als erhofft. Der Hahn, welcher auf der Glarner Seite den Startschuss geben sollte, verschlief. So konnte es deren Läufer nur bis zum Staldenhöreli ob den Fruttbergen schaffen, bevor sie aufeinander trafen. Der Urner liess die Grenzen jedoch der Fairness halber soweit zurück bergwärts Richtung Klausenpass verschieben, wie der Glarner ihn auf dem Rücken zu tragen vermochte. Dies gelang dem Glarner genau bis zum heutigen Grenzbächlein vor dem Urnerboden, wo man der Sage noch immer gedenkt. Der tapfere Sennhirt soll an dieser Stelle beim Wasser trinken mit dem Urner auf dem Rücken verstorben sein. Dies ist der Grund, dass die Kantonsgrenze nicht auf der Passhöhe sondern nacht der ersten grossen Alp in Richtung Glarus.



Wir hatten letzten Frühling etwas weniger dramatische Besteigungen und wurden in der Hütte vorzüglich von der langjährigen Wirtin Silvia verköstigt. Mit dabei waren auch Dominik Rhyner und Rudy Hauser. Domi verbrachte seine ersten Lebensjahre auf der Planurahütte, mit einem Bergführer als Vater. Rudy ist, wenn man so sagen darf, ein jung gebliebener Glarner, und die beiden trafen zum ersten Mal im VEKA aufeinander, dem alternativen Tanzschuppen mit Konzertbühne in Glarus, welchen Rudy mit Freunden für zehn Jahre leitete. Domi kreuzte damals mit Irokesen-Haarschnitt auf und schnell war klar, dass die beiden für die gleichen Werte der Gesellschaft und Menschheit eintreten.
Unsere Gruppe war daher bunt durchmischt. So kam es dann auch, dass wir einige festgefahrene Begebenheiten zusehends strapazierten, so zum Beispiel auch die Nachtruhe um 22 Uhr. Wenn Domi seine selber geschriebenen Lieder anstimmte, die die meisten auswendig mitlallen konnten, darf es schon Nacht werden, aber mit Sicherheit keine ruhige. Hier ein kleiner Auszug vom Lied über Yanick Leuzinger «Lüzi», den waghalsigen und unermüdlichen Lokalhelden:

ER FAHRT MIT DÄ SKI,
DUR D’BRUSTPLANGGÄ ABÄ WENÄS SCHWII,
ÜBERHOLT ALLI UFEM HALBÄ WEG DERABÄ,
ES TRUUT SICH JA SUST EH KEINÄ IDER HOGGI ZFAHRÄ,
ER FAHRT UFÄ NECHSTE BÜCHEL ZUÄ,
ER HEBT AB UND GNÜSST D’RUÄ,
RUHIG ISCHES ABER NÜD SO LANG,
WE ER ZERSCHT GMEINT HETT DASES ISCH,
WONER NÄMMLI ZLETSCHT MAL DETTÄ DRÜBER ISCH,
ISCHER SO HERRLI LANG IDER LUFT GSI UND SO SCHÜÜ WIDER GLANDET,
ABER DAS MAL HETTS NÄ SCHU IDER LUFT ZERFETZT!


Jede Generation braucht diese unternehmungslustigen Rebellen, welche allgemein akzeptierte Regeln in Frage stellen. Marta Fluri war das damals mit den Frauen in den Bergen, so ist das auch heute mit den jungen Freestylern und Künstlern aus der Umgebung.

Die Sackgasse im Glarnerland, eingeschlossen von grossartigen Bergen, scheint dieser Begebenheit irgendwie gut zu tun. Nicht nur wir Auswärtigen schätzen die schiere Schönheit und Felsstürze, die das Tal ummauern, sondern auch die Einheimischen scheinen im Einklang mit den Begebenheiten zu leben. Die einen nennen sie Rebellen, Eigenbrötler oder Hinterwäldler, ich würde meinen, es sind Menschen von Welt, welche in ihrer Heimat fest verankert die Berge, das Beisammensein und die Künste zu einem glücklichen Zusammenleben vereinen.

Auch der wohlgenährte Hahn aus der Sage scherte sich nicht so sehr ums Erobern von Gelände und früh aufstehen, sondern genoss sein Leben. Lang lebe das Glarnerland.

Artikel veröffentlicht im TWIN Magazine Nr. 12, Schweiz, Dezember 2016






Ruedi Flück 2019 — Bern, Switzerland