Salam Azizam

Zu Besuch bei Freunden

Letztlich führte uns im vergangenen März reiner Zufall in den Iran zum Skifahren. Doch die Tiefe der Erfahrungen, die wir in diesem fernen Land sammeln durften, lässt mich im Nachhinein beinahe glauben, dass diese Reise vielleicht sogar unsere Bestimmung gewesen sein musste. Es kommt mir so vor, als hätte ich einen Teil von mir dort gelassen – in einem Land, das so fremd, aber vielleicht genau aus diesem Grund so faszinierend für mich ist. Ich kann einfach nicht aufhören, in diese ferne Kultur einzutauchen und sie verstehen zu wollen. Im gleichen Gedankengang bin ich mir aber auch bewusst, dass ich niemals dort „ankommen“ werde.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie mich meine Mama vor dem ersten Flug nach Tehe­ran im Dezember 2013 warnte: „Pass mir dann ja auf, da gibt es Terroristen und sicher immer wieder Anschläge!“ Wenige Tage später fin­de ich mich in einer Gemeinschaft von Snowboardern und Skifahrern, wie ich sie aus meiner Jugendzeit in der Schweiz kenne, und vermisse nichts. Diese schützende „Glaskugel“, die die Skigebiete im Norden Teherans umgibt, lässt einen die Realitätsfremde des Wintersports bewusst spüren. Auf den Pisten sind alle gleich, nur Bewegungen und Kleidung definieren Personen. Nicht deren Hautfarbe, geschweige denn deren Religion oder politische Einstellung. Es war wie eine Offenbarung – auch in Bezug auf die Gefühle, die man während des Erwachsenwerdens in einer aktiven Wintersportszene hatte. Man fühlt sich abseits der Gesellschaft und darum um so freier.
Arnaud Cottet und Benoît Gonce­rut luden mich damals ein, ihnen bei ihrem Projekt „We Ride in Iran“ mit der Kamera zur Seite zu stehen. Die beiden waren genauso über­rascht wie ich, was sie schließlich im Iran erleben sollten. Anders als ich haben sie damals den langen Weg von Lausanne aus bis nach Vorderasien mit dem Auto auf sich genommen. Und auch im weiteren Verlauf wählten sie die puristische Variante und verzichteten darauf, Unterkünfte zu buchen. Sie hatten sich in Dizin einfach die Skier angeschnallt, um das größte Skigebiet Irans auf eigene Faust zu erkunden. Natürlich fielen sie als „Westler“ auf, denn auch wenn sich die Beziehungen vom Iran zu Europa deutlich verbessert haben, sind ausländische Wintertouristen hier immer noch äußerst selten. Aber das ist wohl einer der Gründe gewesen, dass die bei­ den so viele Einladungen zu einheimischen Familien hatten, dass sie sich zwischen den unterschiedlichen Optionen schließlich entscheiden mussten. Eine Wahl fiel unter anderem auf Amir, einen charismatischen und immer lachenden Teheraner, der das Café „Off Piste“ betreibt.
Amir ist einer dieser Iraner, die international aufgewachsen sind. Er wohnt im reichen Norden Teherans, hat sich mit seiner Hühnerfarm ein durchaus komfortables Leben auf­ gebaut und genießt die Freiheit in den Bergen, die in der Hauptstadt etwas eingeschränkt ist. „Es macht Spaß, in den Bergen zu sein. Deshalb entschieden wir uns vor einigen Jahren, dieses Café zu bauen. Dies ist heute eigentlich der einzige Ort, an dem wir unsere Freizeit verbringen. Ihr habt es ja selber gesehen, als ihr dort wart, und habt kaum euren Augen trauen können, wie anders alles in Dizin ist. Ich möchte das Image unseres Landes in der Welt verändern, das in den letzten 30 Jahren nicht immer das beste gewesen ist. Aber irgend­ wo muss man ja anfangen“, meint Amir während eines unserer langen Gespräche.

Seit meinem ersten Besuch zog es mich bereits sechsmal in den Iran. Nicht nur um Urlaub zu machen, sondern auch um dort Freunde wie Amir zu besuchen. Überraschend tiefe menschliche Verbindungen, die anders funktionieren als bei uns in Europa, die einen jedoch ständig herausfordern – kontrovers, einzigartig und deshalb so innig.

Das Projekt „We Ride in Iran“ för­dert Freeskiing in einem Land, in dem dieser Sport zwar betrieben wird, aber kaum gefördert und noch weniger strukturiert ist. Arnaud Cottet und Benoît Goncerut orga­nisierten kleine Wettkämpfe und Coaching­Tage oder unterstützten Ski­ Resorts beim Bau von lokalen Snowparks. „Freeskiing im Iran ist beeinflusst von Skifilmen, die wir uns anschauen. Wir stellen uns die Be­wegungen vor und kopieren einfach; wir bringen es uns quasi selber bei“, berichtet uns Reza Tabazade von der Inspiration im Freestyle­Sport und den fehlenden Rahmenbedin­gungen.
Als wir im März 2015 ein­ mal mehr im Iran verweilten, wollten wir neue Gebirge und Skigebiete
erkunden. Meine Reise begann be­reits, einige Tage bevor Arnaud Cot­tet, Gregory Tuscher, Rolf Bissig und Jules Guarneri eintreffen sollten. Ich nutzte diese Tage, um mit Freunden eine Camping­ Tour in der Wüste zu unternehmen. Weit entfernt von ver­ schneiten Gipfeln durfte ich für kurze Zeit erfahren, was es heißt, durch endlose Sanddünen zu marschie­ren, unter freiem Himmel zu schla­fen und ausgetrocknete Salzseen zu durchqueren. Ich kam mir vor wie Muhammad Assad, der in den 1920er und 30er­ Jahren den Orient für sich entdeckte: „In ihrer Härte und Kargheit beraubt die Wüste un­sere Sehnsucht, das Leben zu be­greifen, aller Vorwände und wischt all die Trugbilder hinweg, mit denen eine reichere Landschaft zuweilen unser Denken verführt.“

Als schließlich der Rest unserer Trup­pe im Iran angekommen war, trafen wir uns mit Sina Shamyani und belu­den seinen 4x4­Mercedes­ Camping­ Bus für eine kleine Rundreise in den Norden des Landes.

Wir fuhren in Richtung Aserbaidschan und bezogen ein kleines Apartment in der Nähe der Mineralbäder von Ardabil. Dort blie­ben wir für einige Tage, freuten uns über bestes Wetter und erkundeten ein Skigebiet mit einem einzelnen Sessellift, der uns den Zugang zu den über 4.000 Meter hohen Berg­ massiven bescherte. Das Gebirge ist eher weitläufig und abrupte Felsstür­ze, wie wir sie aus den Alpen ken­nen, finden sich hier nur sehr selten.

An den Abenden gönnten wir uns entspannende Bäder und wurden beim ersten Besuch mit unseren Vorurteilen, die wir gegenüber der orientalischen Kultur hatten, konfron­tiert. Wir saßen bereits im warmen Wasser, als wir unseren Filmer Jules beobachteten, wie er als Letzter aus der Umkleidekabine in die Badehalle kam. Als er zu uns ins Becken stei­gen wollte, wurde er vom Bademeis­ter zurückgepfiffen und auf Persisch zurechtgewiesen. Wir verstanden natürlich nur Bahnhof, spürten je­ doch die lautstarke Unterbrechung
der angenehmen Ruhe im Bad als sehr verletzend. Jules wusste nicht recht, was sein Vergehen gewesen wäre, schlussfolgerte aber, dass es nur das Fehlen einer rituellen Ver­neigung als Zeichen des Respekts vor Gott oder dem Bademeister gewesen sein konnte, was dessen Unmut entfacht haben könnte. So verbeugte er sich ehrfurchtsvoll mit geöffneten Händen. Alle Badegäs­te, die diese Szene verfolgt hatten, begannen, laut zu lachen – inklu­sive des Bademeisters und seines Kollegen. Jules wusste nun gar nicht mehr, was er von allem halten sollte. Sina klärte uns schließlich auf, dass er lediglich vergessen hatte, sich vor dem Baden zu duschen – also ge­nauso wie bei uns zu Hause.
Nach den Tagen in Ardabil zog es uns weiter in Richtung Westen in die geschichtsträchtige Stadt Täbris.
Gute 200 Kilometer trennen die bei­den Städte, doch Land und Leute änderten sich deutlich. „Danke“ heißt hier nicht mehr „Merci“ wie im Persischen, sondern „Teschekül“, ähnlich wie in der Türkei. Wegen des an­ dauernden Schneefalls mussten wir leider zwei Tage in der Stadt ver­bringen und den Iranern beim Last­wagen­-Reifenrutschen zuschauen. In den Bergen tobte ein massiver Schneesturm und wir hörten von Rekordschneefällen in Teheran. Wir stellten uns die einmaligen Bilder in den Straßen der iranischen Metro­pole vor, beluden unseren Bus und machten uns schleunigst auf den Heimweg zu Amir nach Teheran.

Es stellte sich aber heraus, dass die Realität in der Hauptstadt nicht dem entsprach, was uns zu Ohren ge­kommen war und wovon wir bereits geträumt hatten. Dennoch fuhren wir nach Schemschak, wo wir uns bereits sehr gut auskannten, und hofften, in dem 60 Kilometer nördlich von Teheran gelegenen Resort et­was Powder zu finden. Und wir soll­ten ihn finden. Die Hänge links über dem obersten Sessellift sahen sehr vielversprechend aus. Der Pisten­dienst und die Liftwarte warnten uns aber vor Lawinen, die es dort im­mer wieder geben würde. Jules und ich positionierten uns trotz deren Abraten am Rande der Piste, flan­kiert von der Hälfte aller Besucher des Skigebiets. Arnaud, Sina, Greg und Rolf standen auf dem Grat und warteten bereit zum Losfahren auf unser Zeichen. Wir beschlossen, dass Rolf, der sich eine Line rechts außen vorgenommen hatte, beginnen sollte. Alles ging gut und er genoss seine Schwünge sichtlich. Gleich darauf startete Greg, fuhr auf einem Grat entlang, sprang auf das große freie Feld und beendete seine Line mit einem fetten Spray. „Das war aber ein mächtiger Spray!“, freute er sich noch, als sich hinter ihm eine an­sehnliche Staublawine auftürmte. Die Lawine blieb glücklicherweise in der Rinne und rauschte somit an uns vorbei. Zufall oder Bestimmung, wir könnten noch lange darüber philo­sophieren, sicher ist nur, dass es wohl schlimmer hätte ausgehen kön­nen, wäre wie ursprünglich geplant Sina oder Arnaud zuerst in den Hang gefahren.
Wir verbrachten die letzten Tage ganz entspannt im Skigebiet, tran­ken viel Tee mit den Einheimischen, ließen es uns gut gehen und sinnier­ten über Gott und die Welt.

Im Iran lernt man wieder, wie sozial das Skifahren doch sein kann, und hat Spaß miteinander und füreinan­der. Hier ist man auch nicht ange­fressen, wenn einem jemand die ersten Linien im Hang klaut, sondern gönnt jedem seine Schwünge im unberührten Hang. Es sei schön zu sehen, wie friedlich die Menschen heute miteinander leben, einander helfen und respektvoll seien, meint auch Sina zur heutigen Situation.

Danke an alle unsere Freunde aus der Ferne: Ihr habt uns eine andere Seite des Lebens und vor allem für uns neue Sichtweisen auf die Dinge gezeigt! Lang leben die verschiedenen Kulturen!

Dieser Artikel erschien im Herbst 2015 im Prime Skiing, Deutschland, Ausgabe Nummer 3


Ruedi Flück 2019 — Bern, Switzerland